Sei STILL! Oder ich hau dir eins über die Rübe!

Die Einstellhalle ist düster und schummrig. Hinter dir..., du hörst Schritte! Und eine dunkle Männerstimme irgendetwas flüstern... Dir wird echt anders...! Da! Die Schritte werden schneller. Aus dem Augenwinkel siehst du, die Gestalt kommt näher! Jetzt hörst du auch sein tiefes Atmen....

 

Dein Herz klopft laut und schnell! Dein Puls droht dir deine Halsschlagader platzen zu lassen! Deine Hände schwitzen! Deine Knie zittern! Dein Körper bebt!

 

"HAU AB DU BLÖDMANN! LASS MICH IN RUHE!!! ODER ICH RUFE DIE POLIZEI!!!! HILFEEEEEEE!", schreist du laut in deiner Panik!

Und da stehe ich. Direkt neben dir.

Ich kicke dir mit meinem Fuss in deinen Oberschenkel.

Ich rupfe dir an der Jacke.

Ich zupfel heftig an deiner Halskette.

Bespritze dich mit Wasser.

Ich werfe dir eine rasselnde Kette an die Brust.

Ich steche dir mit meinen 2 Fingern in die Lenden. Ich zische dich an "RUHE"!

Und zuguter Letzt "paniere" ich dir mit meiner Hand auch noch kurz und ziemlich knackig deinen Hinterkopf.

Entsetzt?

Jetzt bist du entsetzt über meine Gewaltbereitschaft? Entsetzt über mein fehlendes Einfühlungsvermögen? Entsetzt über meine fehlende Hilfsbereitschaft für dich, die du doch in Angst und Panik bist? Deine Angst mit aggressivem Verhalten versteckst und versuchst, die Bedrohung von deinem Leib zu halten??!

 

Zurecht... Wahrlich..., zurecht bist du entsetzt!!

 

Selbstverständlich:

Nie und nimmer würde ich so handeln!

Nicht mit dir. Nicht mit Menschen. Und auch nicht mit Tieren!

 

Und doch: Genau dieses Menschenverhalten lässt sich t-ä-g-l-i-c-h in der Hundewelt beobachten...

 

Wenn deine Schlussfolgerung jetzt ist: "Das würde ich einem Menschen nie antun!"..., warum also tust du es deinem Hund an?

 

Hunde im Konflikt

  • Fight: mit Kampf

  • Flight: mit Flucht

  • Freeze: mit Erstarren

  • Flirt / Fiddle about: mit "Blödeln", übertriebenes "Spielverhalten" zeigen

 

 

Das Leben ist kein Konfiglas: Vom "Bösen" überrascht

Wir sind heute Nachmittag in eine Situation geraten, die wir so natürlich nicht vorhersehen konnten. Der Weg war schmal, die Distanz bereits zu nah, um mit Gelassenheit auf eine "daherrollende Lawine" zu reagieren. So machten wir halt das Beste daraus. Was wir in diesem Hier und Jetzt machen konnten.....

Meine Sindra gehört zum Typ Hund, der Angriff als die beste Verteidigung betrachtet..

Eine "Baustelle", die ich auch nach 9 Jahren Zusammenleben ständig im Auge behalte. Bestimmt stecken einerseits frühe jugendliche Lernerfahrungen, die sie vor unserer gemeinsamen Zeit sammelte, dahinter. Aber andererseits wohl auch eine genetische Disposition. Mindestens 4 ihrer Geschwister, die ich über die Zeit zufällig kennenlernte, agieren nämlich sehr ähnlich wie meine Sindra. (Ein Grund mehr, dass Züchter und sog. "Züchter" (wir sollten hier von Vermehrern sprechen) bestens Bescheid wissen sollten, was sie da "produzieren". Aber das ist ein anderer Artikel wert!)

 

Kämpfen und aggressives Verhalten verhindere ich bei Sindra mit Managementmassnahmen.

Flüchten und Distanzvergrösserung quittiere ich immer mit meiner Zuwendung. Weil dies

 

a) definitiv die bessere Strategie ist als zu kämpfen. Und damit unverletzt aus Situationen zu kommen!

b) gleichzeitig mache ich so auch bessere Stimmung.

c) bringe ich meinem Hund alternative Verhalten bei als zu kämpfen.

 

Dass sie in dieser Situation Futter annehmen kann, zeigt mir den Level ihrer Aufregung an:

Alles halb so schlimm, wir bewegen uns noch im ansprechbaren Bereich.

 

Das Leben ist kein Konfiglas... Auch ist es nicht immer rosa und rot. Machen wir also das Beste daraus!

Dein Hund brüllt, knurrt und macht viel Lärm

Bevor du deinen Hund für Brüllen, Knurren und viel Lärm machen bestrafst,

  • ihm einen Leinenruck verpasst,
  • ihn anschreist oder anzischst,
  • an Situationen vorbei zerrst,
  • ihm Gegenstände anwirfst,
  • mit Ketten rasselst,
  • kickst,
  • würgst,
  • im Nacken schüttelst.....

Kenne seine Emotionen!

Dein Hund hat Gründe sich zu verhalten, wie er sich verhält!

Oft liegt aggressivem Verhalten tatsächlich Angst zugrunde.

Je länger und intensiver er sich allerdings mit offensivem Brüllen, mit aggressiven Verhalten seine (vermeintlichen) Kontrahenten vom Leib halten kann, desto grösser ist auch die Chance, dass sich seine Angst zu Lust wandelt. Lust nach Erleichterung! Und Erleichterung kann auf die Dauer tatsächlich Spass machen...!

 

Unterstütze deinen Hund für deeskalierendes Verhalten! Wende dich ihm zu, wenn er selbstwirksam Distanz machen kann! Sei sein sicherer Hafen. Auch in "bösen Zeiten". Denn genau in diesen Zeiten braucht er dich - am meisten!

Bestrafe nicht! Am obigen Menschenbeispiel soll es dir vor Augen führen, dass sich das Ganze bei Hunden nicht viel anders verhält!

Hilfe holen

Eine seriös und fachkundig arbeitende Fachperson wird dir wertfrei zur Seite stehen. Sie wird weder deinen Hund noch dich verurteilen und mit irgendwelchen seltsamen, unhaltbaren "Etiketten" bekleben.

Eine seriöse Fachperson verwendet keine Worte wie: "unter Kontrolle halten", "Meister zeigen", "Führung übernehmen".

 

Die seriös arbeitende Fachperson wird gemeinsam mit dir die Situationen, in denen dein Hund austickt, analysieren und individuell angepasste Lösungsvorschläge unterbreiten. Eine seriös arbeitende Fachperson wird zur Situation, zu Situationen passende Alternativmöglichkeiten mit dir und deinem Hund trainieren!

 

Eine seriös arbeitende, fachkundig und zeitgemäss arbeitende Fachperson hemmt und straft kein Verhalten.

Sie aktiviert wegweisend Verhalten.

Für Freude und Kooperation.

Effektiv. Individualisiert. Zusammen. Mit Mensch und Hund.

- Eva Zaugg, seinmithund.ch

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Kommentare: 1
  • #1

    Karin Immler (Montag, 14 November 2016 23:07)

    Vielen Dank für diesen Artikel. Treffend und wichtig! Leider sind wir ja dank diverser Fernsehformate wieder auf dem Weg ins Mittelalter. Umso wichtiger sind Texte wie dieser.
    Mit kollegialem Gruß
    Karin Immler